Dienstag, 25. November 2014

The Wounded Brick - Interview mit Sue-Alice Okukubo und Eduard Zorzenoni im franzmagazine_Teil 2

Hier nun der zweite Teil des Interviews mit Kunigunde Weissenegger im franzmagazin:

Was war denn für euch der/die beeindruckendste/n Moment/e während der Recherche- und Dreharbeiten ?

Da gab es so viele: Es war schon während der Recherche absolut umwerfend, auf wie viel Interesse und Unterstützung wir gestoßen sind. Wenn Gottfried Böhm, der als sehr medienscheu gilt, uns sofort zu einem sehr persönlichen Vorgespräch einlädt. Oder wenn uns Vittorio Gregotti  trotz seines hohen Alters mit einer unglaublichen Energie empfängt und in langen temperamentvollen Gesprächen sehr offen und auch selbstkritisch von seinen in Jahrzehnten gemachten Erfahrungen und Erlebnisse erzählt, das war dann schon sehr beeindruckend. Leider kann man ja immer nur einen Bruchteil dessen im Film wiedergeben.

Die Planung der Dreharbeiten in den Abruzzen war sehr schwierig. Wir wussten, dass die Zustände, auch Monate nach dem Beben, chaotisch waren. Unsere Produktionsleitung vor Ort war tagtäglich mit neuen widersprüchlichen Informationen konfrontiert. Aber als wir dann dort mit eigenen Augen das Ausmaß an Zerstörung von persönlicher und kollektiver Kultur und Geschichte gesehen haben und noch schlimmer, die absolute Stille und Verlassenheit der Geisterstädte und Orte erlebten, so ist uns das schon mit einer Intensität an die Nieren gegangen, die schwer in Worte zu fassen ist. „Beeindruckend“  ist da nicht der richtige Ausdruck.

Beeindruckend im positiven Sinn jedoch war der Kontakt mit jedem einzelnen Menschen dort: ihre unglaubliche Stärke trotz des großen Leids und der extrem schwierigen Monate, die sie hinter sich hatten, ihr großes Interesse an unserer Arbeit, ihre offene Freundlichkeit und vor allem auch ihre Gastfreundschaft.

Auf welche Menschen seid ihr bei den Screenings getroffen? Was waren die Reaktionen? Welche Erfahrungen und Erlebnisse habt ihr gemacht?

Wir waren zu Filmfestivals in Rom, Lissabon und Istanbul eingeladen und haben in Deutschland an vielen Diskussionen nach den Screenings teilgenommen.

Natürlich trifft man sehr viele Architekten, Stadtplaner und Soziologen. Aber es kommen nicht nur Fachleute, sondern auch Menschen, die in Bürgerbewegungen für Ihre Bedürfnisse in der Wohn- und Stadtgestaltung eintreten, Menschen, die sich gegen die Gentrifizierung in ihren Städten einsetzen, also der Vertreibung der altansässigen Bevölkerung aus attraktiven Stadtvierteln durch finanzstarke Investoren, oder schlicht und einfach Menschen, die durch den Informationstext des Filmes im Kinoprogramm neugierig geworden sind und sich für das Thema interessiert haben.

Bei den Festivals waren die Reaktionen sehr emotional in einem positiven Sinn. Die Zuschauer haben sofort intuitiv den Transfer zu ihrer eigenen Situation gemacht, ohne dass es nachträglicher Erklärungen bedurfte. Sie waren sehr berührt oder auch ob der Missstände emotional sehr aufgebracht. Es gab auch Tränen. Beim Filmfestival in Rom sprang ein Mann nach dem Film spontan auf, lief zu uns aufs Podium und fing ein leidenschaftliches Plädoyer für eine lebenswertere Stadt an.

In Deutschland sind die Reaktionen nicht so temperamentvoll, aber deswegen nicht weniger intensiv.
Die Q&A's nach den Screenings sind sehr spannend für uns. Die Zuschauer haben wirklich immer ein starkes Bedürfnis, über ihre Gedanken zum Film zu sprechen. Wir bekommen von allen Seiten das Feedback, dass das ein Film ist, den man nicht einfach konsumiert und wieder zur Tagesordnung übergeht, sondern dass er intensiv nachwirkt. Es gibt so viele Anekdoten. In Berlin kamen nach einem Screening zwei Architekten zu uns, die sich für den Film herzlich bedankt haben. Sie machen Wohnbau für die Superreichen, sind also Teil des „Systems“ aber der Film hätte sie doch intensiv zum Nachdenken gebracht.

Wir haben in The Wounded Brick mit dem Konzept des Storytellings gearbeitet, und die Aussagen nicht auf kurze Statements zusammengeschnitten. Das scheint bei den Zuschauern gut anzukommen, da sie die Möglichkeit spüren, die Protagonisten besser „kennenzulernen“.
Vielen fällt die poetische und ruhige Gestaltung des Filmes positiv auf. Der Filmkritiker eines renommierten Cineastenmagazins hat uns mit der japanischen Regiegröße Ozu verglichen, was natürlich ein absolut schönes Kompliment ist.

In Christchurch, Neuseeland, das auch ein schweres Erdbeben hinter sich hat,  waren wir beim Screening zwar nicht dabei, bekamen aber danach viele Emails von Zuschauern, die sich besonders durch die Thematik des fehlgeleiteten Wiederaufbau nach dem Erdbeben angesprochen gefühlt haben.

In kleineren Städten, in denen das Thema der Gentrifizierung noch nicht so dringlich ist, interessieren sich die Menschen sehr für die Thematik der Gestaltung ihrer Orte. Es scheint, als würde der Film viele verschiedene Anknüpfungspunkte bieten.


Habt ihr für euch eine Antwort auf die Fragen, die euer Film aufwirft, gefunden?

Wir haben von Anfang an nicht an eine einzige heilsbringende Antwort geglaubt. Und auf jeden Fall geht es nicht um eine einfache schwarz-weiß Malerei, um die Frage, wer sind die Guten und wer die Bösen, obwohl das natürlich die einfachste Art von Antwort wäre.

Eine Antwort haben wir in dem Engagement aller Beteiligten gefunden, in ihrem Denken, in der Vielfalt der Vorschläge und in den Visionen.
Eine andere Antwort haben wir in der unbedingten Notwenigkeit eines Dialogs zwischen den verschiedenen Beteiligten gefunden, und darin, dass die Bürger mehr und mehr Interesse und Verantwortung in diesem Prozessen übernehmen, damit ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht nur gehört, sondern zum Ausgangspunkt werden.

Vielleicht werden wir selbst zu einem kleinen Teil einer Antwort, wenn unser Film Fragen aufwirft und Diskussionen auslöst und wenn wir so zu diesem Dialog beitragen können.

Interview Teil_1

Der gesamte Beitrag im franzmagazin